Ein natürliches Ergebnis entsteht für mich nicht dadurch, dass möglichst wenig gemacht wird. Es entsteht dann, wenn die Behandlung zur Anatomie, zur Mimik, zur Gewebequalität und vor allem zum tatsächlichen Anliegen eines Menschen passt.
Zwei Patientinnen können mit derselben Frage in die Praxis kommen – zum Beispiel wegen Nasolabialfalten, Marionettenfalten oder Lippen – und trotzdem eine völlig unterschiedliche Behandlung benötigen.
Deshalb beginnt eine ästhetische Behandlung für mich nicht mit der Frage: „Was soll ich wohin spritzen?“
Sie beginnt mit einer anderen Frage:
Warum sieht diese Zone überhaupt so aus?
Erst wenn ich die Ursache verstanden habe, entscheide ich, ob und womit ich behandle.
Die Zone, die stört, ist nicht immer die Zone, die behandelt werden sollte
Eine Patientin kam zu mir, weil sie ihre Marionettenfalten behandeln lassen wollte. Ihr Wunsch war zunächst sehr konkret: Hyaluronsäure direkt in die Falten im Bereich der Mundwinkel.
Bei der Untersuchung war für mich jedoch nicht die Falte selbst das Hauptproblem.
Ich sah bereits einen Volumenverlust im Wangen- und Jochbeinbereich. Gleichzeitig hatte die Haut an Festigkeit verloren und Gewebe begann sich nach unten zu verlagern. Dazu kam eine ausgeprägte Aktivität der Muskulatur an den Mundwinkeln.
Wenn ich in einer solchen Situation lediglich die sichtbare Falte auffülle, behandle ich vor allem das Symptom.
Mein Ansatz war deshalb ein anderer. Ich arbeitete im mittleren und lateralen Gesichtsbereich mit einem Hybridpräparat aus Hyaluronsäure und Calciumhydroxylapatit und reduzierte zusätzlich die nach unten gerichtete Muskelaktivität im Bereich des M. depressor anguli oris, kurz DAO.
Bereits durch die Unterstützung der darüberliegenden Strukturen veränderte sich auch die Marionettenregion.
Genau das ist für mich der Unterschied zwischen dem Auffüllen einer Falte und dem Verstehen eines Gesichts.
Auch die Fachliteratur beschreibt Marionettenfalten als multifaktorielles Problem. Volumenveränderungen, anatomische Strukturen und die Aktivität des DAO können gemeinsam eine Rolle spielen; deshalb kann je nach Befund auch ein multimodaler Behandlungsansatz sinnvoll sein. [3]
Bei Botulinumtoxin sieht man standardisierte Behandlungsschemata besonders schnell
Bei Botulinumtoxin ist dieser Unterschied für mich oft besonders deutlich.
Man kann ein Gesicht nach einem festen Schema behandeln: eine bestimmte Anzahl von Punkten an immer denselben Stellen.
Aber Muskeln sind nicht bei jedem Menschen gleich.
Sie können unterschiedlich hoch verlaufen, unterschiedlich stark ausgeprägt sein und sich während der Mimik unterschiedlich verhalten. Auch die Ausgangsposition der Augenbrauen unterscheidet sich.
Wenn man diese Unterschiede ignoriert, kann ein Schema bei einem Menschen funktionieren und bei einem anderen unnatürlich wirken.
Dann sieht man zum Beispiel Bereiche, in denen die Mimik noch sehr aktiv bleibt, während andere Bereiche deutlich stärker entspannt wurden. Die Augenbraue kann unerwünscht absinken oder sich lateral sehr stark anheben – der bekannte „Spock-“ beziehungsweise „Mephisto-Effekt“.
Deshalb schaue ich mir ein Gesicht nicht nur in Ruhe an.
Ich möchte sehen, wie es sich bewegt.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zur Behandlung der oberen Gesichtshälfte kommt zu demselben Grundprinzip: optimale Ergebnisse erfordern eine individuelle Beurteilung der strukturellen und funktionellen Anatomie sowie angepasste Injektionsmuster und Techniken. [1]
Patienten kommen mit einem Wunsch – meine Aufgabe ist es, herauszufinden, was dahintersteht
Ich beginne eine Beratung deshalb fast immer mit dem Wunsch des Patienten.
Nicht mit meiner Liste möglicher Behandlungen.
Ich frage:
„Was stört Sie selbst, wenn Sie in den Spiegel schauen?“
Nehmen wir eine Nasolabialfalte.
Sie kann bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Ursachen haben.
Bei einem Patienten spielt die knöcherne Anatomie eine wichtige Rolle. Bei einem anderen fehlt Volumen im Mittelgesicht. Bei einem weiteren ist die Hautqualität der entscheidende Faktor. Und bei einer jungen Patientin kann eine ausgeprägte Nasolabialfalte schlicht Teil ihrer individuellen Anatomie sein, obwohl Volumen und Hautqualität ansonsten gut sind.
Die Behandlung kann deshalb von Fall zu Fall völlig anders aussehen.
Manchmal ist Volumenaufbau sinnvoll. Manchmal steht die Verbesserung der Gewebequalität im Vordergrund. Und manchmal ist tatsächlich eine sehr lokale, oberflächliche Korrektur der Falte die passende Lösung.
Das Ergebnis beginnt also nicht mit dem Produkt.
Es beginnt mit der Diagnose des ästhetischen Problems.
Auch der richtige Filler hängt von der Aufgabe ab
Patientinnen kommen häufig mit sehr konkreten Vorstellungen:
„Ich möchte nur 0,5 ml.“
„Ich möchte unbedingt einen sehr weichen Filler.“
„Ich möchte genau dieses Produkt.“
Gleichzeitig zeigen sie mir manchmal ein Ergebnis, das mit diesen Vorgaben gar nicht erreichbar ist.
Eine Patientin brachte beispielsweise Bilder von deutlich konturierten, voluminöseren Lippen mit. Gleichzeitig wollte sie ausschließlich 0,5 ml eines sehr weichen Präparates, weil sie Angst vor einem überfüllten Ergebnis hatte.
Ich erklärte ihr, dass sich ihr gewünschtes Ergebnis und die von ihr gewählten Parameter widersprechen.
Wir begannen trotzdem mit 0,5 ml. Als sie das Ergebnis sah, stellte sie selbst fest, dass der Effekt für ihren Wunsch zu gering war. Danach entschieden wir gemeinsam, einen weiteren halben Milliliter zu verwenden.
Das zeigt einen wichtigen Punkt:
Die Menge allein sagt wenig über das spätere Ergebnis aus.
Entscheidend sind unter anderem Ausgangsanatomie, Gewebe, gewünschte Form, Injektionsebene und die Eigenschaften des verwendeten Präparates.
Hyaluronsäure-Filler unterscheiden sich tatsächlich in ihren rheologischen Eigenschaften. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 beschreibt, dass unterschiedliche Gesichtsregionen unterschiedliche Materialeigenschaften erfordern und die Produktauswahl entsprechend angepasst werden sollte. [2]
Deshalb wähle ich ein Präparat nicht danach aus, welches Produkt gerade populär ist.
Ich wähle es danach aus, welche Aufgabe es in diesem Gewebe erfüllen soll.
Eine schöne Behandlung verändert für mich nicht die Identität eines Gesichts
Ästhetischer Geschmack lässt sich schwer in Millilitern beschreiben.
Für mich bedeutet ein gutes Ergebnis, dass ein Mensch sich anschließend noch selbst erkennt.
Natürlich kann eine Patientin sagen:
„Ich hätte gerne ausgeprägtere Wangen.“
„Ich wünsche mir vollere Lippen.“
„Ich möchte meine Augenbrauen etwas angehobener sehen.“
Dann versuche ich, dieses Ziel innerhalb ihrer eigenen Anatomie umzusetzen.
Ich möchte nicht aus einem Gesicht ein anderes Gesicht machen.
Ich möchte mit dem arbeiten, was bereits da ist.
Die einfachste Formulierung, die ich dafür gefunden habe, ist:
Eine Patientin sollte nach der Behandlung in den Spiegel schauen und sich selbst sehen – nur ein bisschen wie die eigene, gut retuschierte Version.
Nicht jemand anderen.
Deshalb kann auch künstliche Intelligenz keine Untersuchung ersetzen
In letzter Zeit kommen Patientinnen zunehmend mit Bildern oder Behandlungsvorschlägen, die sie mit KI erstellt haben.
Manchmal nennt das System sogar einen bestimmten Filler oder eine bestimmte Menge.
Solche Bilder können hilfreich sein, um einen ästhetischen Wunsch zu kommunizieren. Sie zeigen mir beispielsweise, welche Lippenform oder welche Gesichtskontur jemand attraktiv findet.
Sie zeigen mir aber nicht zuverlässig, wie sich das Gewebe anfühlt, wie die Muskulatur arbeitet, wie sich das Gesicht während des Sprechens oder Lachens bewegt oder in welcher anatomischen Schicht eine Veränderung entsteht.
Deshalb kann ein Bild eine Beratung beginnen.
Die medizinische Beurteilung findet trotzdem am Menschen statt.
Manchmal besteht eine gute ärztliche Entscheidung darin, eine Behandlung nicht durchzuführen
Nicht jeder Termin endet bei mir mit einer Injektion.
Ich lehne eine Behandlung ab oder verschiebe sie, wenn ich aus ärztlicher Sicht einen Grund sehe, der dagegen spricht. Das kann eine aktuelle gesundheitliche Situation sein, eine relevante Kontraindikation oder auch ein Befund, bei dem eine weitere Behandlung aus meiner Sicht keinen sinnvollen ästhetischen Nutzen hätte.
Das gilt auch für Bereiche, in denen bereits viel Hyaluronsäure vorhanden ist oder Filler zu oberflächlich im Gewebe liegt. In solchen Fällen ist es für mich nicht sinnvoll, einfach weiteres Produkt hinzuzufügen. Manchmal ist zunächst eine Korrektur oder das Auflösen vorhandenen Materials sinnvoller. In anderen Fällen kann es besser sein, den Fokus beispielsweise auf die Hautqualität statt auf zusätzliches Volumen zu legen.
Auch wenn der Wunsch eines Patienten und das, was ich bei der Untersuchung sehe, sehr weit auseinanderliegen, bespreche ich das offen. Nicht jede gewünschte Veränderung muss automatisch durchgeführt werden.
Für mich gehört auch das zur ästhetischen Medizin: Nicht nur zu wissen, wie man behandelt, sondern auch zu erkennen, wann man besser nicht behandelt.
Mein Grundsatz: erst verstehen, dann behandeln
Ich glaube nicht, dass Natürlichkeit aus einer bestimmten Technik, einem bestimmten Filler oder einer festen Anzahl von Einheiten entsteht.
Sie entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen:
- Was stört den Patienten wirklich?
- Wo liegt die Ursache?
- Wie ist die individuelle Anatomie?
- Wie bewegt sich das Gesicht?
- Welche Gewebequalität liegt vor?
- Welches Produkt passt zu dieser Aufgabe?
- Braucht diese Zone überhaupt eine Behandlung?
Genau deshalb sehen für mich die besten Ergebnisse nicht nach einem bestimmten Behandlungsprotokoll aus.
Sie sehen nach dem Menschen aus, der vor mir sitzt.
Wissenschaftliche Quellen
- Bertucci V, Huang C. Neuromodulator Assessment and Treatment for the Upper Face: An Update. Dermatologic Clinics. 2024;42(1):51–62. PubMed
- Perera GGG, Argenta DF, Caon T. The rheology of injectable hyaluronic acid hydrogels used as facial fillers: A review. International Journal of Biological Macromolecules. 2024;268(Pt 2):131880. PubMed
- Hong GW, Wong S, Yoon SE, Wan J, Yi KH. Anatomical-based diagnosis and filler injection techniques: marionette line (static labiomandibular fold). Journal of Dermatological Treatment. 2025;36(1):2452954. PubMed
- Santos PL et al. Analysis of the Morphology, Rheology, and Clinical Applicability of a Hybrid Injectable with Hyaluronic Acid and Hydroxyapatite. Aesthetic Plastic Surgery. 2024;48(17):3423–3429. Die Untersuchung beschreibt HArmonyCa™ als Kombination aus Hyaluronsäure und Hydroxyapatit. PubMed